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Bauchgefühl - Intuition



Der Mensch, oder besser der Homo sapiens, überschätzt sich masslos. Wir sind felsenfest davon überzeugt, dass wir logisch denkende Wesen sind, die aufgrund unseres Verstandes zu sinnvollen Entscheidungen gelangen. Wir wägen die Konsequenzen wohldurchdacht gegeneinander ab. Dabei berücksichtigen wir akribisch die Prämissen, also die Voraussetzungen und Grundlagen unserer Entscheidungen. Sind unsere Entscheidungen fehlerhaft und ungenügend, dann liegt es an einem fehlerhaften und wenig intelligenten Entscheidungsprozess. In diesem Sinne gibt es auch gute und schlecht Entscheider. Um im akademischen Denken zu bleiben; es gibt intelligente und weniger intelligente Entscheider. So ungefähr sind die Vorstellungen, die in unserem Kopf über unser Entscheidungsverhalten herumschwirren.


Leider ist dies alles vollkommen falsch. So denken und entscheiden wir nicht. Wir werden bei unseren Entscheidungen durch eine Mischung aus Bauchgefühl, unbewussten Prozessen, logischen Denkfragmenten und eine Portion von ex post facto Interpretationen geleitet. Das Interessante dabei ist, dass die Prozesse, die uns in der Regel zu den Entscheidungen führen, nicht bewusst werden. Was uns bewusst wird, sind vielmehr die vielfältigen und differenzierten Erklärungen, die uns nach den Entscheidungen einfallen, um unsere Entscheidungen zu rechtfertigen und zu deuten.


Nun, das mag den einen oder anderen irritieren, denn wir sind ja alle Kinder unserer Erziehung, die letztlich auf dem Fundament der Aufklärung errichtet wurde. Aber heute wissen wir, dass wir durch unser Gehirn und den dort innewohnenden neurophysiologischen Erregungen getrieben werden. Wenn man die Funktionsweise des menschlichen Gehirns versteht, dann wird einem sofort klar, dass wir in unserem Alltag eher selten logisch entscheiden können, sondern, dass vielmehr Heuristiken die Vielfalt unserer Entscheidungen regeln.


Heuristiken sind Strategien, um mit begrenztem Wissen und in kurzer Zeit zu guten Lösungen zu gelangen. Sie sind also eine Art Interpretations- und Vorhersagestrategie, mit der man auf der Basis der zur Verfügung stehenden Informationen Schlussfolgerungen ziehen kann.

Solche Heuristiken sind biologisch äusserst sinnvoll, denn man muss bedenken, dass pro Sekunde circa 11 Millionen Bit an Informationen auf unser Sensorium prasseln. Davon nehmen wir lediglich 11–60 Bit pro Sekunde bewusst wahr. Was wir unbewusst wahrnehmen, ist völlig unbekannt. Wir wissen nur, dass wir erheblich mehr unbewusst als bewusst wahrnehmen. Vielleicht ist es 1/3 der Informationen. Es kann auch etwas weniger sein. Aber viel wichtiger ist, dass wir die unfassbare grosse Informationsmenge, mit der wir konfrontiert werden, nicht verarbeiten können. Aus diesem Grunde müssen wir die Menge der Informationen beschränken, die wir verarbeiten.


Und hier beginnt gleich das erste Problem: Wir wählen Informationen aus, die wir dann unseren Entscheidungsprozessen zuführen. Welche Informationen wir aber auswählen, hängt von vielen weiteren Aspekten ab. Unsere Erfahrung, unser aktueller Gefühlsstand, unsere Motive und vieles mehr leiten unsere Auswahlprozesse. Diese so individuell und vielfach unbewusst ausgewählten Prämissen werden dann den Heuristiken zur Verfügung gestellt, die dann zu Entscheidungen führen.


Interessant dabei ist, dass diese Entscheidungen dann im Nachgang wunderbar und für uns passend oft sehr intelligent erklärt werden. Dabei stellt sich dann oft das Gefühl ein, diese ex-post-facto-Erklärungen wären die Ursache unserer Entscheidungen. Sie sind es aber nicht. Diese Erklärungen geben uns lediglich die Sicherheit, gute und sinnvolle Entscheidungen getroffen zu haben.


Sicherheit ist im Übrigen ein wichtiges Gefühl, das für unser Leben von herausragender Bedeutung ist. Unser Gehirn ist vor allem eine Interpretationsmaschine, welche uns diese Sicherheit vermitteln muss. Dieses Sicherheitsgefühl speist dann auch die Motivation und Kraft, andere Menschen von unseren Entscheidungen zu überzeugen.


Wie können wir unsere Intuition, unser Bauchgefühl optimieren? Kann man das überhaupt? Ja, man kann es durchaus! Mit der Intuition erlangen wir Einsichten in Sachverhalte, ohne dass wir angestrengt, logisch und rational geleitet diese Sachverhalte analysieren. Diese Form der Einsicht äussert sich als ein Gefühl, das sich über vegetative Empfindungen andeutet. Wir können intuitiv etwas ablehnen oder zu etwas unsere Zustimmung geben, ohne dass wir dies bewusst und rational begründen können.


Intuitionen sind nicht grundsätzlich nicht schlecht, gut oder gar dem rationalen Denken überlegen. Sie sind bestimmte Formen der Entscheidungsfindung, die sehr schnell und elegant ablaufen. Gute und zielführende Intuitionen sind durch Wissen genährt und entstehen durch unbewusst bleibende Entscheidungs- und Bewertungsprozesse in unserem Gehirn.

Am besten sie füttern ihre Interpretationsmaschine (nämlich ihr Gehirn und Gedächtnis) mit Wissen über ihre Lebenswelt. Damit steigt dann die Wahrscheinlichkeit, dass ihre unbewussten und halbbewussten Entscheidungen besser werden. Dann können sie sich vermehrt auf ihre Intuitionen verlassen. Was auf jeden Fall besser wird, sind dann auch die ex-post-facto-Erklärungen, die sie nutzen können, um andere von ihren Entscheidungen zu überzeugen.

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