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Du bist nicht meine Ehefrau – das merkwürdige Capgras-Syndrom


1923 beschrieb der französische Neurologe und Psychiater Joseph Capgras eine merkwürdige Erkrankung, die als Capgras-Syndrom in die Literatur eingegangen ist (1). Er beschrieb eine Patientin, Madame M., die lebhafte und skurrile Illusionen hatte. Sie gab an, dass ihr Ehemann, ihre Kinder und ihre Nachbarn durch andere Personen ersetzt worden seien. Zudem würden die Doppelgänger gelegentlich durch andere Doppelgänger ersetzt.


In der Folgezeit wurden Capgras-Patienten beschrieben, die sich von diesen Illusionen derart belästigt fühlten, dass sie sogar bereit waren, diese Doppelgänger zu ermorden. In der Regel werden bei dieser Störung nahestehende Verwandte und Personen, mit denen man emotional eng verbunden ist, illusionär durch andere Personen ersetzt.


Ein spektakulärer, aber tragischer Capgras-Fall wurde 1999 vor einem Gericht in Cardiff verhandelt. Ein Lehrer namens Alan Davis entwickelte nach einem Autounfall die Überzeugung, dass seine Ehefrau Christine bei dem Unfall ums Leben gekommen sei, was de facto aber nicht der Fall war. Die Frau, mit der er jetzt zusammenlebte, behauptete er, wäre nicht seine Ehefrau, sondern eine Betrügerin, die sich als seine Ehefrau ausgeben würde. Das Zusammenleben mit ihr wäre für ihn höchst unangenehm und unerwünscht. Er war felsenfest davon überzeugt, dass seine Frau gestorben sei, und ließ sich durch kein Argument von seiner Überzeugung abbringen. Der im Gerichtsverfahren tätige psychiatrische Gutachter attestierte dem Lehrer daraufhin das Capgras-Syndrom. Trotz mehrjähriger psychotherapeutischer Behandlung konnte Davis nicht von der Wahnvorstellung geheilt werden, und er verklagte den unfallverursachenden Fahrer auf Schmerzensgeld für die ihm zugefügten Leiden. Das Gericht sprach ihm 130’000 Pfund zu. Diese bizarre Form der Illusion ist zum Glück aussergewöhnlich, aber dennoch eine interessante Blüte menschlicher Interpretationsfähigkeit (2).


Man kann emotionale Reaktionen sehr einfach mittels Veränderung der Hautleitfähigkeit messen. Dazu bringt man Elektroden an der Handinnenfläche an und misst damit die Aktivität der Schweißdrüsen. Selbst bei der kleinsten emotionalen Erregung verändert sich die Schweißdrüsenaktivität. Wenn gesunde Menschen Bilder von Verwandten oder Freunden sehen, dann ist diese Aktivität im Vergleich zur Präsentation neutraler Bilder deutlich erhöht. Bei Capgras-Patienten bleibt dieser Effekt aus: Offenbar lösen bei ihnen die Darstellungen von bekannten Personen keinerlei emotionalen Reaktionen aus!


Aber was ist die Ursache dieses merkwürdigen, aber gleichsam interessanten Syndroms? Einige vermuten, dass die funktionelle Verbindung zwischen Gesichtswahrnehmungs- und emotionsverarbeitenden Gehirngebieten gestört sei. Diese Erklärung leuchtet zwar ein, kann allerdings nicht erklären, dass es andere Patienten gibt, die ebenfalls unter einer Entkopplung dieser Hirngebiete leiden, aber nicht an einem Capgras-Syndrom erkranken.


Wahrscheinlich ist bei Capgras-Patienten ein rechtshemisphärisches Netzwerk gestört, das den sogenannte temporoparietalen Übergangsbereich (Temporoparital Junction, TPJ) einschließt (siehe Abbildung 1). Dieses Hirngebiet befindet sich zwischen dem unteren Parietallappen und den angrenzenden hinteren Temporallappen. Es gilt als das Netzwerk, das im weitesten Sinne auf Gedankenlesen (Mind Reading), aber auch in das Erkennen des Selbst und fremden Personen spezialisiert ist. Es ist besonders dann aktiv, wenn wir uns in andere Personen hineinversetzen, um ihre Absichten und Gedanken zu erkennen.



Abbildung 1: Rechtsseitiges Netzwerk, das in das Erkennen des Selbst eingebunden ist (3). TPJ: temporo-parietale Übergangsregion, Gsm: Gyrus supramarginalis, DLPFC: dorso-lateraler Präfrontalkortex, VLPFC: ventro-laterale Präfrontalkortex, OFC: Orbitofrontalkortex.


Ist dieses Netzwerk gestört, kann es zu einer Reihe von neuropsychologischen Störungen kommen, welche die egozentrische (auf das Selbst bezogen) und allozentrische (auf die Außenwelt bezogen) Wahrnehmung beeinflusst. Durch die Beeinträchtigung dieses rechtsseitigen Netzwerks gewinnt das voll funktionsfähige linksseitige Netzwerk quasi die "Oberhand". Da dieses Netzwerk eine Neigung zur Interpretation verfügt, werden Interpretationen gestartet, die letztlich zu Fehlinterpretationen führen. Eine Variante davon ist das Capgras-Syndrom.


Abbildung 2: Darstellung beider Hirnhemisphären. Die linke ist eher interpretationsgeneigt, während die rechte eher wahrnehmungsnah agiert (3).


Wir können die Welt im Allgemeinen und andere Menschen im Speziellen in zweierlei Art und Weise wahrnehmen: in einer egozentrischen und einer allozentrischen Rezeption. Bei der egozentrischen Wahrnehmung beurteilen wir die Welt und die anderen Menschen aus der Perspektive unseres zentralen Egos. Wir beziehen alle Urteile auf einen Bezugspunkt, der in uns liegt (eben dem Ego oder dem Selbst).


Wenn wir Menschen beurteilen, kann das egozentrische System in zwei unterschiedlichen Modi arbeiten: im Selbst-Modus und im Anderen-Modus. Im Selbst-Modus repräsentiert das System meine Gedanken und meinen Geist (Verstand, Psyche, Seele), der in meinem Körper lokalisiert ist. Im Anderen-Modus repräsentiert dieses System „andere Leute“ in fremden Körpern sowie deren Gedanken. In diesem Modus fungiert das egozentrische System als Simulation der anderen Person, die uns interessiert: Wir versetzen uns in diese Person, stellen uns das egozentrische System der anderen Person vor und halten sie für nett, freundlich oder unsympathisch.


Beurteilen wir andere Menschen mittels des allozentrischen Bezugssystems, dann beziehen wir die Urteile über die anderen Personen nicht auf uns, und wir simulieren auch nicht deren egozentrisches System. Deshalb versetzten wir uns auch nicht in die Person. Wir beurteilen diese Person quasi von außerhalb, so als würden wir ihr Verhalten wie ein neutraler Wissenschaftler messen. Wir können so trotzdem feststellen, dass die Person objektiv nett oder aggressiv ist, aber wir stellen diese Eigenschaften fest, ohne sie zu simulieren und mit uns in Verbindung zu bringen. Wir nennen diese Betrachtungsebene auch die Dritte-Person-Perspektive.


Bei den Capgras-Patienten gelingt die egozentrische Betrachtung der anderen Person nicht mehr. Sie sind nicht mehr zur egozentrischen Betrachtung im Anderen-Modus in der Lage. Aufgrund der Unfähigkeit, dieses System zu nutzen, haben sie auch keinen Zugriff mehr auf die gespeicherten Informationen und Einschätzungen der ihnen vertrauten Person. Sie erkennen die vertraute Person, es gelingt ihnen aber nicht, die egozentrischen Informationen abzurufen, also ein Gefühl der Nähe zu empfinden. Deshalb wird aus dem Gedächtnis eine logische Erklärung abgerufen: Eine Person, die man zwar erkennt, aber die in uns keine Emotionen auslöst, kann nur ein Betrüger oder Doppelgänger sein, der vorgibt, diese Person zu sein.


Was lehrt uns dieses merkwürdige, aber gleichsam interessante Syndrom? Das Erkennen von uns selbst und dem Einordnen anderer Personen ist an die Funktion eines bestimmten Hirnnetzwerkes gebunden. Seien wir froh, solange unser Gehirn noch funktioniert, um uns selbst und andere zu erkennen.


Quellen:

  1. Capgras,J.and Reboul-Lachaux,J.(1923)L’illusion des sosies dans un delire systematise chronique. Bull. Soc. Clin. Med. Ment. 11, 6–16.

  2. de Bruxelles, S. (1999, 5 March). Crash victim thinks wife is an imposter. The Times, p.7.

  3. Jäncke, L. (2016). Ist das Hirn vernünftig?: Erkenntnisse eines Neuropsychologen. Hogrefe-Verlag.

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