Wenn Wörter ihre Bedeutung wechseln – wie politische Konflikte unsere Sprache verändern
- 28. Juli
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Vor ein paar Wochen sass ich bei einem Abendessen, bei dem sich zwei kluge Menschen fast in die Haare gerieten, wegen eines einzigen Wortes: Freiheit. Für den einen war das ungefähr das, was in der Bundesverfassung steht. Für die andere klang es eher nach Eigenverantwortung, nach "der Staat soll sich da raushalten". Beide benutzten dasselbe Wort. Beide meinten etwas anderes. Und beide waren felsenfest überzeugt, es gehöre ihnen.
Das ist, glaube ich, kein Einzelfall. Wörter wie woke, Querdenker, Elite, Patriot oder Solidarität lösen heute je nach politischem Standort vollkommen unterschiedliche Reflexe aus. Sie beschreiben längst nicht mehr nur einen Sachverhalt. Sie zeigen an, zu welchem Lager man gehört. Wer „Elite“ sagt, verrät oft mehr über sich selbst als über die gemeinte Gruppe.
Interessant ist, dass sich die Wissenschaft mit diesem Phänomen schon länger beschäftigt, als man denkt. Der amerikanische Psychologe Charles Osgood entwickelte bereits in den 1950er-Jahren das sogenannte Semantische Differential[^1]: Versuchspersonen bewerteten Begriffe auf Skalen wie gut–schlecht oder stark–schwach, und jedes Wort erhielt so einen Platz in einem mehrdimensionalen Bedeutungsraum. Schon damals zeigte sich, dass sich die *emotionale* Bewertung politischer Begriffe verschieben kann, ohne dass sich ihre Definition im Lexikon ändert, oft innerhalb weniger Monate, etwa nach einem Wahlkampf.
Heute macht man dasselbe mit sehr viel gröberem Besteck. Statt ein paar Hundert Versuchspersonen zu befragen, füttert man Algorithmen mit Millionen Zeitungsartikeln, Parlamentsreden oder Social-Media-Beiträgen. Sogenannte Word Embeddings ordnen jedes Wort einem Punkt in einem hochdimensionalen semantischen Raum zu.[^2] Wörter mit ähnlicher Bedeutung liegen nahe beieinander, andere weit entfernt. Und dann kann man beobachten, wie einzelne Wörter über die Jahre buchstäblich durch diesen Raum wandern.
Das Wort woke ist ein schönes Beispiel, wenn auch kein schmeichelhaftes.. Ursprünglich stand es für Aufmerksamkeit gegenüber Rassismus und sozialer Ungerechtigkeit. Heute findet man es in vielen politischen Diskursen in der Nachbarschaft von Kulturkampf, politischer Korrektheit oder Cancel Culture.[^3] Das Wort selbst ist gleich geblieben. Seine Nachbarschaft hat sich verändert, und damit, ohne dass irgendjemand es offiziell beschlossen hätte, auch sein Beiklang.

Abbildung: Schematische Darstellung des semantischen Raums für das Wort woke aus den Jahren 2015 und 2025.
Was mich an der neueren Forschung eigentlich mehr überrascht hat: Es wandert nicht nur ein Wort mit der Zeit durch den Bedeutungsraum. Verschiedene politische Lager scheinen gleichzeitig unterschiedliche Bedeutungsräume zu bewohnen. Freiheit kann für die eine Gruppe eng mit Bürgerrechten und Vielfalt verknüpft sein, für die andere mit Eigenverantwortung und einem möglichst schlanken Staat.[^4] Beide Seiten benutzen exakt dasselbe Wort, leben aber, sprachlich gesehen, nicht ganz in derselben Welt. Was mich zu meinem Abendessen zurückbringt.
Das Gehirn ist dabei erstaunlich schnell, und nicht besonders schmeichelhaft für unseren Anspruch auf Rationalität: Noch bevor wir den Inhalt einer Aussage verarbeitet haben, ordnen wir den Sprecher meist schon einem sozialen Lager zu. Das Wort selbst funktioniert wie ein Erkennungssignal, fast wie ein Vereinswappen.
Für Demokratien ist das kein triviales Problem. Sie leben davon, dass Menschen über dieselben Begriffe streiten können, auch wenn sie sich inhaltlich nicht einig sind. Wenn aber selbst Grundbegriffe ihre gemeinsame Bedeutung verlieren, wird es schwierig, nicht weil die Menschen unversöhnlicher geworden wären, sondern weil sie unter denselben Wörtern zunehmend Verschiedenes verstehen.
Was Osgood einst mit Papier, Bleistift und ein paar Bewertungsbögen begonnen hat, erledigen heute Algorithmen mit Milliarden von Wörtern. Das Ergebnis ist im Grunde nüchtern und ein bisschen unbequem: Politische Konflikte schlagen sich nicht nur in Umfragen oder Wahlresultaten nieder. Sie verschieben, ganz handfest messbar, die Landkarte unserer Begriffe. Und irgendwann reden zwei Menschen zwar in derselben Sprache, aber nicht mehr recht über dieselbe Wirklichkeit.
Bei meinem Abendessen hat es übrigens noch zum Dessert gereicht. Nicht jede sprachliche Kluft muss gleich den ganzen Abend ruinieren.
[^1]: Osgood, C. E., Suci, G. J., & Tannenbaum, P. H. (1957). *The Measurement of Meaning*. University of Illinois Press.
[^2]: Kozlowski, A. C., Taddy, M., & Evans, J. A. (2019). The Geometry of Culture: Analyzing the Meanings of Class through Word Embeddings. *American Sociological Review*, 84(5), 905–949.
[^3]: Bleich, E., AlZubaidy, H., Cao, A., Chang, A., Sadat, N., Ward, A., & van der Veen, A. M. (2025). The Politics of Language: Politicized Semantic Change, Pejoration and the Case of "Woke". *Political Studies*.
[^4]: Rim, N., Berman, M. G., & Leong, Y. C. (2023). Moral consensus and divergence in partisan language use. *arXiv:2310.09618*.



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