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Bullshit, Unsinn und das Gehirn – Warum wir so anfällig für geistigen Müll sind

  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit
Erstellt mit ChatGPT - Bullshitflut
Erstellt mit ChatGPT - Bullshitflut

Es gibt Wörter, die erstaunlich präzise beschreiben, was in unserer modernen Welt täglich passiert. „Bullshit“ gehört dazu. Kaum ein Begriff bringt so elegant auf den Punkt, was wir in sozialen Medien, politischen Debatten, Werbebotschaften oder auch in mancher Vorstandspräsentation erleben. Bullshit ist allgegenwärtig. Er begegnet uns in Talkshows, auf LinkedIn, in pseudowissenschaftlichen Gesundheitsratgebern und manchmal sogar an Universitäten. Das Erstaunliche daran ist nicht, dass es ihn gibt. Erstaunlich ist vielmehr, wie bereitwillig Menschen ihn akzeptieren.


Doch bevor wir uns fragen, warum unser Gehirn für Unsinn so empfänglich ist, sollten wir die Begriffe etwas ordnen.


Was ist eigentlich Bullshit?

Der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt hat dem Thema ein kleines, inzwischen berühmtes Buch gewidmet: On Bullshit (1). Seine Definition ist ebenso einfach wie genial. Der Lügner kennt die Wahrheit und versucht, sie zu verbergen. Der Bullshitter dagegen interessiert sich überhaupt nicht für die Wahrheit. Er redet, um Wirkung zu erzielen. Ob das Gesagte stimmt oder nicht, spielt keine große Rolle. Das ist der entscheidende Unterschied.


Bullshit ist also nicht einfach Unsinn. Unsinn kann harmlos sein. Ein Kind, das behauptet, der Mond bestehe aus Vanilleeis, produziert Unsinn. Ein Erwachsener, der mit ernster Miene erklärt, Magnetarmbänder könnten Krebs heilen oder man könne mit „positiven Schwingungen“ seine DNA reparieren, produziert Bullshit.

Bullshit tarnt sich häufig als Tiefsinn. Er klingt bedeutungsvoll, benutzt komplizierte Begriffe und erzeugt das angenehme Gefühl, etwas Wichtiges verstanden zu haben – obwohl inhaltlich oft erstaunlich wenig dahintersteckt.


Warum unser Gehirn so empfänglich dafür ist

Das menschliche Gehirn entstand nicht, um wissenschaftliche Wahrheit zu erkennen. Es entwickelte sich, um das Überleben zu sichern. Geschwindigkeit war dabei oft wichtiger als Genauigkeit. Wer im Busch ein Rascheln hörte und sofort Gefahr vermutete, hatte evolutionär meist Vorteile.

Unser Gehirn arbeitet deshalb mit Vereinfachungen, Faustregeln und schnellen Entscheidungen. Genau diese Mechanismen machen uns allerdings anfällig für Unsinn.

Besonders problematisch sind dabei drei Eigenschaften unseres Denkens:


1. Wir lieben einfache Erklärungen

Die Welt ist kompliziert. Unser Gehirn mag das nicht besonders. Deshalb bevorzugen wir einfache Geschichten mit klaren Ursachen und eindeutigen Schuldigen. Bullshit reduziert Komplexität – und genau deshalb fühlt er sich oft so angenehm an.

2. Emotion schlägt Vernunft

Neurowissenschaftliche Studien zeigen immer wieder, dass emotionale Informationen besonders leicht verarbeitet werden. Angst, Wut und Empörung aktivieren uralte Hirnnetzwerke. Nüchterne Fakten dagegen müssen mühsam analysiert werden.

Deshalb verbreiten sich absurde Behauptungen häufig schneller als differenzierte wissenschaftliche Erkenntnisse.

3. Wiederholung erzeugt Wahrheit

Je häufiger wir etwas hören, desto glaubwürdiger erscheint es uns. Psychologen sprechen hier vom Illusory Truth Effect. Wiederholung erzeugt Vertrautheit – und Vertrautheit fühlt sich für unser Gehirn sicher an.

Wenn eine Behauptung oft genug wiederholt wird, entsteht später das Gefühl: „Da könnte doch etwas dran sein.“


Die moderne Bullshit-Maschine

Noch nie war es so einfach, Unsinn zu verbreiten. Früher benötigte man wenigstens einen Verlag, eine Zeitung oder einen Radiosender. Heute reichen ein Smartphone und eine stabile WLAN-Verbindung.

Hinzu kommt die enorme Informationsmenge. Unser Gehirn kann nicht durchgehend überprüfen, was wahr, falsch oder irrelevant ist. Deshalb orientiert es sich an Likes, Reichweite, Lautstärke oder Gruppenzugehörigkeit. Das ist evolutionär nachvollziehbar, aber gerade in der digitalen Welt problematisch.


Wissenschaftlich klingender Unsinn

Besonders faszinierend ist wissenschaftlich klingender Bullshit. Sobald Begriffe wie „Quanten“, „Neuro“, „Energie“ oder „Frequenzen“ auftauchen, schaltet sich bei vielen Menschen der kritische Verstand teilweise aus.

Das Präfix „Neuro-“ ist hierfür ein wunderbares Beispiel. „Neurocoaching“, „Neuroleadership“ oder „Neurodetox“ klingen beeindruckend, auch wenn dahinter manchmal erstaunlich wenig Neurowissenschaft steckt.

Das Gehirn liebt Autoritätssignale. Komplizierte Sprache wirkt intelligent. Genau deshalb kann man mit bedeutungsschwer klingendem Unsinn erstaunlich erfolgreich sein.


Kann man sich schützen?

Zumindest teilweise.

Der beste Schutz gegen Bullshit ist nicht Intelligenz. Auch hochintelligente Menschen fallen auf Unsinn herein. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit, an den eigenen Überzeugungen zu zweifeln.

Hilfreich sind dabei einige einfache Fragen:

  • Woher stammt die Information?

  • Gibt es überprüfbare Belege?

  • Klingt etwas nur kompliziert oder ergibt es tatsächlich Sinn?

  • Wird vor allem mit Emotionen gearbeitet?

Das klingt banal, ist aber neurologisch anstrengend. Kritisches Denken kostet Energie. Bullshit konsumiert sich deutlich leichter.


Die vielleicht wichtigste Erkenntnis

Bullshit wird nie verschwinden. Jede Epoche produziert ihren eigenen Unsinn. Entscheidend ist deshalb nicht, ob es Bullshit gibt, sondern wie wir mit ihm umgehen.

Vielleicht sollten wir akzeptieren, dass das menschliche Gehirn kein perfekter Wahrheitsdetektor ist. Es ist ein wunderbares Organ für Kreativität, Fantasie und soziale Beziehungen, aber eben auch erstaunlich anfällig für geistigen Müll.

Und genau deshalb lohnt es sich, gelegentlich innezuhalten, bevor man die nächste sensationelle Behauptung begeistert weiterleitet.


Denn manchmal ist Bullshit eben einfach nur Bullshit.


(1) Frankfurt, Harry (2005). On Bullshit. New Jersey: Princeton University Press.

 
 
 

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