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Der neue Volkssport: Empörung

  • ljaencke9
  • 10. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Jan.

Angefertigt mit ChatGPT
Angefertigt mit ChatGPT

Es gibt Wörter, die gerade heute wie Trigger wirken. Man muss sie nur aussprechen – und schon reagieren viele Menschen mit Schnappatmung. Früher waren es „Geld“ oder „Sex“. Heute ist das Repertoire reichhaltiger. Worte wie „Klima“, „Migration“, „Gender“, „Ukraine“, „Israel“, „KI“ und ein scheinbar harmloses „Tempo 30“ reichen aus, um das vegetative Nervensystem hochzufahren.


Bei solchen Wörtern kann man oft interessante Reaktionen beobachten. Kürzlich erlebte ich das auf einer Zugfahrt, als die Fahrgäste am Nebentisch über Tempo 30 in Zürich diskutierten. Die vorher ruhige Reisegruppe wandelte sich im Nu zu einer Gruppe von Kampfhähnen, die ihre Positionen kampfeslustig und lautstark verteidigten. Wir leben offenbar in Zeiten, in denen man nicht mehr einfach anderer Meinung ist. Man steht inzwischen auf der falschen Seite.


Offenbar fehlt unserer modernen Gesellschaft das verbindende Medium, das andere Meinungen zulässt, ohne dass wir sofort emotional erregt werden. Fehlt hier vielleicht „Vertrauen“ in unsere Kommunikationspartner? Stattdessen gibt es Meinungslager, die sich zu schnell verhärten und in Polarisierung ausarten. Wahrscheinlich wirkt hier noch die Evolution – und entfaltet ihre Kräfte.


So aufgeklärt und schlau der Mensch auch ist: Er ist und bleibt ein Herdentier. Das ist keine Beleidigung, sondern eine Feststellung. Wer in der Steinzeit nicht zur Gruppe gehörte, war – höflich formuliert – im Nachteil. Unsere Psyche hat diese Logik konserviert: Zugehörigkeit zu einer Gruppe bedeutet Sicherheit und damit Überleben. Kein Wunder also, dass unser Gehirn im Zweifel nicht nach Wahrheit fragt, sondern nach Anschluss und Sicherheit in der Gruppe. Damit wird die Frage „Wer gehört zu mir?“ häufig wichtiger als die Frage „Was stimmt?“.


Dieses Phänomen ist Psychologen unter dem Begriff Social Identity schon lange bekannt: Wir definieren uns über Gruppen, über das „Wir“. Und weil ein „Wir“ selten ohne ein „Die“ auskommt, entstehen gleich die passenden Gegenfiguren. Feindbilder sind psychologisch ausgesprochen praktische Hilfskonstruktionen: Man kann sie jederzeit in Debatten nutzen, und sie stützen hervorragend das eigene Selbstwertgefühl.


Neuropsychologisch arbeitet dabei im Hintergrund ein kleines Organ mit großer Wirkung: die Amygdala – das Alarmzentrum. Dieses Zentrum entscheidet blitzschnell: Gefahr oder keine Gefahr? Je unübersichtlicher die Welt, desto häufiger schlägt sie Alarm.


In der Daueraufgeregtheit unserer Zeit läuft die Amygdala wie in einer Art Endlosschleife. Überall lauert Gefahr. Und sie hat einen treuen Verbündeten: die moderne Medienökonomie. Nichts verkauft sich so gut wie Empörung. Nichts bindet Aufmerksamkeit so zuverlässig wie moralische Empörung, dieses Hochgefühl, wenn man sich blitzschnell auf die richtige Seite stellt.


Wir argumentieren oft, dass man mit Verstand und Vernunft diesen schnellen Reaktionen entfliehen könnte. Doch lauert an der nächsten Ecke ein weiteres Problem: Unter Stress arbeitet der Präfrontalkortex deutlich schlechter. Das ist jener Teil, der uns zu zivilisierten Wesen macht: planen, abwägen, Perspektiven wechseln, die eigene Reaktion zügeln. In der Neuropsychologie gilt: Wenn die Emotion steigt und der Einfluss des Präfrontalkortex abnimmt, sinkt die Kontrolle über unser Verhalten und Denken.


Oder in Alltagssprache: Im Alarmmodus diskutiert man nicht. Man kämpft.

So entstehen Debatten, die weniger nach Gespräch und mehr nach Kampf klingen. Erst kommt die Erregung, dann die Abwertung, danach die Argumente – häufig nur noch als Dekoration. Denn sobald die Identität in Gefahr ist, wird aus Widerspruch ein Angriff.


Was tun? Man könnte natürlich an die Vernunft appellieren. Das ist nobel, aber neurobiologisch unzureichend. Denn Vernunft ist ein Luxussystem: Sie funktioniert mehr oder weniger zuverlässig(1), wenn das Gehirn Ruhe und Sicherheit hat. Sie funktioniert schlecht, wenn die Amygdala blinkt wie ein Weihnachtsbaum.

Vielleicht ist deshalb der wichtigste demokratische Akt nicht die große Rede, sondern der kleine Moment der Selbstregulation: einmal tief durchatmen, bevor man reagiert. Erst die Erregung herunterkühlen, dann sprechen. Zweitens: Meinungen sind keine unverrückbaren Felsen. Man darf sie ändern, ohne seine Identität zu verlieren. Und drittens: Feindbilder sterben in echten Begegnungen – nicht in Kommentarspalten.


Am Ende bleibt eine unbequeme Erkenntnis: Polarisierung ist nicht nur Politik, sondern vielmehr das Ergebnis uralter Instinkte. Und Demokratie ist – in einer sehr realen, neuropsychologischen Bedeutung – die Kunst, das Steinzeitgehirn nicht ständig ans Steuer zu lassen.


(1) Siehe hierzu auch mein Buch und ein neues Paper: Jäncke, L. (2016). Ist das Hirn vernünftig?: Erkenntnisse eines Neuropsychologen. Hogrefe AG.; Jäncke, L. (2024). Human intelligence: is the human brain reasonable? Deutsche medizinische Wochenschrift (1946), 149(23), 1393–1400.

 
 
 

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