Aktualisiert: 5. Aug.


Das Gehirn des Menschen ist ein faszinierendes Organ. Eine Eigenart des Gehirns ist seine Interpretationsfähigkeit, Interpretationsneigung, ja Interpretationswut. Es will, oder eleganter formuliert, es muss die Welt interpretieren, um Chaos zu vermeiden. Denn nichts hasst das Gehirn mehr, als Durcheinander, Unvorhersehbares und nicht Erklärbares. Alles muss einsortiert, verstanden, kategorisiert, erklärt und bewertet werden. Und das passiert zügig, reibungslos, und vor allem ständig im Hintergrund. Tag und Nacht rattert das Gehirn und berechnet eine stabile Welterklärung.

Mit diesen Erklärungen sagen wir die (zumindest) nahe Zukunft vorher. Das vereinfacht unser Leben. Für diese Berechnungen nutzt unsere Denkzentrale unser Gedächtnis und unsere Wahrnehmungen. Das bedeutet, dass diese Deutungen und Vorhersagen auf individuellen Erfahrungen beruhen. Es sind unsere Deutungen. Sie gehören zu uns, wie unsere Augenfarbe, unsere Haare und unsere Erinnerungen. In anderen Worten: Unser Gehirn ist eine Interpretations- und Vorhersagemaschine, die die Welt höchst individuell interpretiert. Und all das passiert im Hintergrund und bleibt (überwiegend) unbewusst.


Hat unser Gehirn eine individuelle Interpretation und Vorhersage berechnet, muss es herausfinden, ob Andere diese teilen. Subjektive Deutungen der Welt können gefährlich sein. Sind sie zu persönlich und teilt niemand sie, wird man schnell als Aussenseiter gebrandmarkt. Biologisch betrachtet, ist ein Aussenseiter in einer riskanten Position. Deshalb testen wir erst zaghaft, dann aber mutiger unsere Deutungen, indem wir sie zunächst unseren Freunden und Bekannten mitteilen. Dann tasten wir uns zögerlich und mutiger werdend in den Orbit der fremden Menschen um uns herum vor. Finden wir Gleichgesinnte, die die Welt ähnlich auffassen, fühlen wir uns bestärkt. Physiologisch äussert sich das in einem Mechanismus, den die Psychologen und Neurobiologen „Belohnung“ und „Verstärkung“ nennen. Im Moment der Verstärkung schüttet unser Belohnungszentrum den Transmitter Dopamin aus und löst damit eine Kette von psychologischen und physiologischen Reaktionen aus. Begleitet wird diese Erregungskette von angenehmen Gefühlen und wenn es richtig intensiv wird, sogar von Lust oder Glück.


Aber wehe, wenn irgendwelche Personen diese Interpretationen nicht teilen, sie ablehnen oder ansatzweise kritisieren; dann reagieren wir automatisch mit Abwehr oder Verteidigung. Die Abwehr-, Verteidigungs- oder Fluchtnetzwerke in unserem Gehirn arbeiten dann auf Hochtouren. Sie lösen die passenden Verhaltensweisen aus. Flucht in die Arme von Gleichgesinnten ist eine elegante und häufig genutzte Strategie. Sie spendet Sicherheit und löst einen Ausstoss von Dopamin in unserem Belohnungszentrum aus. Kritiker werden bekämpft, was durch den Kampfmodus unseres Gehirns kontrolliert wird. Am besten kämpft man mit mit den Gleichgesinnten gegen die anderen. Aber im Kampf ist man selten vernünftig im klassischen Sinne. Man ist vorwiegend emotional, verärgert und aggressiv, gelegentlich auch gemein.


Ein interessanter Nebenaspekt bei diesen Prozessen ist, dass alles schnell und vor allem überwiegend unbewusst abläuft. Die Konsequenz ist, dass wir in solchen Verteidigungs- und Kampfsituationen oft den größten Blödsinn verteidigen und andere – vielleicht sogar sinnvollere – Interpretationen angreifen. Einfach nur, weil sie nicht in unsere Auffassung der Welt hineinpassen. Dann hilft auch unsere gegebenenfalls überragende Intelligenz nicht mehr, außer, dass sie uns hilft, unsere Deutungen zu verteidigen und selten zu korrigieren.


Dies sind einige Ursachen für die manchmal merkwürdige Vielfalt der Meinungen und Erklärungen von Politikern unterschiedlicher Parteien. Die sind ja nicht alle minderbegabt (was die Gegner oft gerne ins Feld führen), sondern ihre Gehirne gelangen auf der Grundlage individueller Informationen zu anderen Schlussfolgerungen. Dies sind aber auch die Ursachen für die oft andersartigen Deutungen von historischen Gegebenheiten, sozialen Regeln und vielen anderen Geschehnissen des alltäglichen Lebens. Egal, welche Auffassungen der Welt man entwickelt (mögen sie aus bestimmten Blickwinkeln noch so merkwürdig erscheinen), man findet immer Anhänger seiner Weltdeutungen. Gemeinsam mit ihnen verteidigt man seine Weltsicht gegen andere Betrachtungsweisen. Das ist biologisch gesehen völlig normal, denn das menschliche Gehirn konstruiert eigene Kulturen mit eigenen Regelsystemen. Diese Regelsysteme müssen sich praktisch in einem Wettkampf gegen konkurrierende Regelsysteme erwehren. Bestehen sie, werden sie übernommen.


Aber eine Konstante ist mit allen subjektiven Interpretationen verbunden: Je subjektiver eine Weltdeutung ist, desto emotionaler wird sie verteidigt. Wie schön wäre es, wenn man die Welt mit einer mathematischen Gleichung beschreiben könnte. Aber davon sind wir weit entfernt. Wir müssen uns leider mit der Vielfalt der subjektiven Interpretationen der Welt auseinandersetzen, auch wenn sie aus unterschiedlichen Perspektiven merkwürdig oder absurd erscheinen. Der Mensch ist von der Natur so konstruiert, dass die verschiedenen Weltdeutungen miteinander konkurrieren und sich jene durchsetzen wird, die zu den größten Überlebensvorteilen führt.


Deshalb müssen wir in einer freien Welt lernen, auch Blödsinn auszuhalten. In einer freien Welt sollten wir unsere eigenen Deutungen mitteilen und unsere Mitmenschen davon überzeugen.
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Das Gehirn des Menschen hat sich im Verlauf der Evolution zu einem Werkzeug entwickelt, das unter anderem für Kommunikation und den Aufbau von Vertrauen spezialisiert ist. Heutzutage wird es aber mit vollkommen neuen Anforderungen konfrontiert, für die es biologisch gar nicht vorbereitet ist.


Vor allem in den vergangenen 10 bis 12 Jahren (Erfindung des iPhone und iPad) erleben wir für die Menschheitsgeschichte einmalige kulturelle Veränder­ungen. Neben den vielen begrüssenswerten Möglichkeiten, die sich mit der Einführung dieser Technologie eröffnen, haben sich aber massive Probleme offenbart, für die insbesondere das jugendliche Gehirn nicht vorbereitet ist. Dies sind (1) der Umgang mit der enormen Menge an Informationen und (2) die veränderte zwischenmenschliche Kommunikation.


Praktisch jederzeit und an jedem Ort findet man das gesamte Produktionsinventar menschlichen Daseins im WWW. Diese enorme Menge von «Informationen» überfordert unser Gehirn massiv, was gelegent­lich dazu führt, dass wir letztlich nicht mehr die Agenten unseres eigenen Handelns sind. Wir werden dann mehr oder weniger die «Sklaven» der unser Verhalten bestim­men­den Reize.


Mit entsprechend stark ausgeprägter Selbstdisziplin kann man allerdings diesen Verlockungen widerstehen. Die Kraft zur Selbstdisziplin entfaltet sich im Frontalkortex, in dem sich neuronale Netzwerke befinden, die uns zur Kontrolle von Emotion, Motivation und der Aufmerksamkeit befähigen. Bei Jugendlichen und vor allem Pubertierenden sind diese so wichtigen Netzwerke noch gar nicht voll ausgereift. Demzufolge arbeiten diese Netzwerke suboptimal, was im Wesentlichen auch die suboptimalen Leistungen hinsichtlich der von ihnen kontrollierten psychischen Funktionen erklärt.


Mit den neuen Kommunikationswerkzeugen treten wir in Kontakt mit Kommunikationspartnern, die wir nicht sehen, zumindest nicht im Moment des Kommunikationsaktes. Im Grunde sind unsere Gesprächspartner Avatare, also digitale Wesen, denen wir lediglich imaginativ reale Personen zuordnen können. Kurzum, die Kommunikation wird zunehmend unbiologischer. Es fehlt der direkte Augen- und Gesichtskontakt, was zur Folge hat, dass wir die über Hunderttausende von Jahren perfektionierten nonverbalen Kommunikationsmechanismen nicht mehr nutzen. Das führt dann zu einer enthemmten, fragmentarischen, ineffizienten und gelegentlich fehlerhaften Kommunika­tion über die digitalen Kanäle. Hinzu kommt noch eine zunehmende Vereinfachung und Verfälschung der verbalen Signale durch den Gebrauch von Dialekten, sowie unbeholfener und grammatikalisch fehlerhafter Sprache. Das wäre ungefähr so, wie wenn wir bei einem Kinofilm die Bilder wegschneiden und den auditorischen Kanal verfremden und fragmentieren würden.


Aber wie meistern wir die Probleme dieser digitalen Revolution und, was viel wichtiger ist, wie sollen die Heranwachsenden damit umgehen? Ein wesentlicher Weg aus der digitalen Falle ist meines Erachtens die Reduktion der vielen verlockenden Reize. In anderen Worten, wir müssen die Welt der Heranwachsenden an manchen Punkten überschaubarer und damit bewältigbarer gestalten. Das bedeutet, wir müssen sie vor dieser Reizüberflutung bewahren und gleichzeitig auch darauf achten, dass die biologisch fundierte nonverbale Kommunikation gepflegt wird. Dabei dürfen wir nicht vergessen, die nicht voll ausgereiften Frontalkortexfunktionen (Emotions-, Motivations- und Aufmerksamkeitskontrolle sowie Selbstdisziplin) üben zu lassen. Wir müssen unsere Heranwachsenden anleiten, bestimmte Dinge konzentriert und kontrolliert über längere Zeit zu bewältigen. Vor allem müssen wir sie anleiten und ihnen vormachen, dass «weniger mehr ist». Die Konzentration auf Wesentliches muss in Zukunft im Vordergrund stehen und nicht die Hingabe an das Beliebige.

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Der Mensch, oder besser der Homo sapiens, überschätzt sich masslos. Wir sind felsenfest davon überzeugt, dass wir logisch denkende Wesen sind, die aufgrund unseres Verstandes zu sinnvollen Entscheidungen gelangen. Wir wägen die Konsequenzen wohldurchdacht gegeneinander ab. Dabei berücksichtigen wir akribisch die Prämissen, also die Voraussetzungen und Grundlagen unserer Entscheidungen. Sind unsere Entscheidungen fehlerhaft und ungenügend, dann liegt es an einem fehlerhaften und wenig intelligenten Entscheidungsprozess. In diesem Sinne gibt es auch gute und schlecht Entscheider. Um im akademischen Denken zu bleiben; es gibt intelligente und weniger intelligente Entscheider. So ungefähr sind die Vorstellungen, die in unserem Kopf über unser Entscheidungsverhalten herumschwirren.


Leider ist dies alles vollkommen falsch. So denken und entscheiden wir nicht. Wir werden bei unseren Entscheidungen durch eine Mischung aus Bauchgefühl, unbewussten Prozessen, logischen Denkfragmenten und eine Portion von ex post facto Interpretationen geleitet. Das Interessante dabei ist, dass die Prozesse, die uns in der Regel zu den Entscheidungen führen, nicht bewusst werden. Was uns bewusst wird, sind vielmehr die vielfältigen und differenzierten Erklärungen, die uns nach den Entscheidungen einfallen, um unsere Entscheidungen zu rechtfertigen und zu deuten.


Nun, das mag den einen oder anderen irritieren, denn wir sind ja alle Kinder unserer Erziehung, die letztlich auf dem Fundament der Aufklärung errichtet wurde. Aber heute wissen wir, dass wir durch unser Gehirn und den dort innewohnenden neurophysiologischen Erregungen getrieben werden. Wenn man die Funktionsweise des menschlichen Gehirns versteht, dann wird einem sofort klar, dass wir in unserem Alltag eher selten logisch entscheiden können, sondern, dass vielmehr Heuristiken die Vielfalt unserer Entscheidungen regeln.


Heuristiken sind Strategien, um mit begrenztem Wissen und in kurzer Zeit zu guten Lösungen zu gelangen. Sie sind also eine Art Interpretations- und Vorhersagestrategie, mit der man auf der Basis der zur Verfügung stehenden Informationen Schlussfolgerungen ziehen kann.

Solche Heuristiken sind biologisch äusserst sinnvoll, denn man muss bedenken, dass pro Sekunde circa 11 Millionen Bit an Informationen auf unser Sensorium prasseln. Davon nehmen wir lediglich 11–60 Bit pro Sekunde bewusst wahr. Was wir unbewusst wahrnehmen, ist völlig unbekannt. Wir wissen nur, dass wir erheblich mehr unbewusst als bewusst wahrnehmen. Vielleicht ist es 1/3 der Informationen. Es kann auch etwas weniger sein. Aber viel wichtiger ist, dass wir die unfassbare grosse Informationsmenge, mit der wir konfrontiert werden, nicht verarbeiten können. Aus diesem Grunde müssen wir die Menge der Informationen beschränken, die wir verarbeiten.


Und hier beginnt gleich das erste Problem: Wir wählen Informationen aus, die wir dann unseren Entscheidungsprozessen zuführen. Welche Informationen wir aber auswählen, hängt von vielen weiteren Aspekten ab. Unsere Erfahrung, unser aktueller Gefühlsstand, unsere Motive und vieles mehr leiten unsere Auswahlprozesse. Diese so individuell und vielfach unbewusst ausgewählten Prämissen werden dann den Heuristiken zur Verfügung gestellt, die dann zu Entscheidungen führen.


Interessant dabei ist, dass diese Entscheidungen dann im Nachgang wunderbar und für uns passend oft sehr intelligent erklärt werden. Dabei stellt sich dann oft das Gefühl ein, diese ex-post-facto-Erklärungen wären die Ursache unserer Entscheidungen. Sie sind es aber nicht. Diese Erklärungen geben uns lediglich die Sicherheit, gute und sinnvolle Entscheidungen getroffen zu haben.


Sicherheit ist im Übrigen ein wichtiges Gefühl, das für unser Leben von herausragender Bedeutung ist. Unser Gehirn ist vor allem eine Interpretationsmaschine, welche uns diese Sicherheit vermitteln muss. Dieses Sicherheitsgefühl speist dann auch die Motivation und Kraft, andere Menschen von unseren Entscheidungen zu überzeugen.


Wie können wir unsere Intuition, unser Bauchgefühl optimieren? Kann man das überhaupt? Ja, man kann es durchaus! Mit der Intuition erlangen wir Einsichten in Sachverhalte, ohne dass wir angestrengt, logisch und rational geleitet diese Sachverhalte analysieren. Diese Form der Einsicht äussert sich als ein Gefühl, das sich über vegetative Empfindungen andeutet. Wir können intuitiv etwas ablehnen oder zu etwas unsere Zustimmung geben, ohne dass wir dies bewusst und rational begründen können.


Intuitionen sind nicht grundsätzlich nicht schlecht, gut oder gar dem rationalen Denken überlegen. Sie sind bestimmte Formen der Entscheidungsfindung, die sehr schnell und elegant ablaufen. Gute und zielführende Intuitionen sind durch Wissen genährt und entstehen durch unbewusst bleibende Entscheidungs- und Bewertungsprozesse in unserem Gehirn.

Am besten sie füttern ihre Interpretationsmaschine (nämlich ihr Gehirn und Gedächtnis) mit Wissen über ihre Lebenswelt. Damit steigt dann die Wahrscheinlichkeit, dass ihre unbewussten und halbbewussten Entscheidungen besser werden. Dann können sie sich vermehrt auf ihre Intuitionen verlassen. Was auf jeden Fall besser wird, sind dann auch die ex-post-facto-Erklärungen, die sie nutzen können, um andere von ihren Entscheidungen zu überzeugen.

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