top of page

Die Affen machen das nicht.

  • ljaencke9
  • 22. Juli 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Warum nur Menschen Fans sein können – und was das über unser Gehirn verrät

Wie kommt es, dass wir uns mit Sportteams identifizieren, deren Spieler nichts mit uns zu tun haben – außer vielleicht, dass sie unser Trikot tragen? Was treibt Menschen dazu, ganze Lebensgeschichten an einen Verein zu hängen? Und warum tun unsere nächsten tierischen Verwandten das nicht? Die Antwort führt tief in die Neurobiologie, Psychologie – und die erstaunliche Welt menschlicher Vorstellungskraft.

Wenn Zehntausende in einem Stadion singen, jubeln, weinen oder schreien, dann geht es längst um mehr als nur ein Spiel. Fußballfans zeigen uns in konzentrierter Form, was den Menschen ausmacht – biologisch, psychologisch, sozial. Ihr Verhalten wirkt auf den ersten Blick oft übertrieben, irrational oder sogar aggressiv. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt inmitten von Choreografien, Fan-Gesängen und Rivalitätsritualen die tiefen Wurzeln menschlicher Natur.


Denn das, was im Stadion geschieht, ist im Grunde nichts anderes als moderne Stammeskultur. Der Mensch ist, evolutionär betrachtet, ein Gruppentier. In der Frühzeit war die Zugehörigkeit zu einer stabilen Gemeinschaft überlebenswichtig. Schutz, Nahrung, Fortpflanzung – all das war nur im Kollektiv gesichert. Deshalb belohnt unser Gehirn Gruppenzugehörigkeit bis heute mit einem Cocktail aus Wohlfühlhormonen wie Dopamin und Oxytocin. Das „Wir“-Gefühl unter Fans ist kein Zufall, sondern ein wichtiger, ja überlebenswichtiger, neurobiologischer Mechanismus, der tief in unseren Genen verankert ist.


Auch die oft heftig ausgetragenen Feindschaften zwischen Fanlagern haben eine lange Geschichte – allerdings nicht im Fußball, sondern in der Stammeslogik des Homo sapiens. „Wir gegen die anderen“ war einst eine Überlebensstrategie. Wer sich blind loyal zur eigenen Gruppe bekannte und fremde Gruppen als Bedrohung sah, hatte größere Überlebenschancen. Dass heute Schiedsrichter statt Speerspitzen das Ziel von Aggression sind, ändert nichts an der Wucht dieser archaischen Muster.


Ein besonderes Phänomen ist die emotionale Synchronisation: Tausende Menschen erleben zur gleichen Zeit Freude, Wut oder Verzweiflung. Diese kollektive Erregung ist kein Nebeneffekt, sondern Teil des Spiels. Spiegelneuronen, limbische Resonanz und hormonelle Koaktivierung sorgen dafür, dass Emotionen ansteckend sind – im Stadion genauso wie in der Urhorde.


Und dann sind da noch die Rituale: Trikots, Gesänge, Einlaufhymnen, Fangesänge; moderne Zeremonien, die Identität stiften, Zugehörigkeit demonstrieren und soziale Ordnung schaffen. Was im religiösen Tempel einst das Gebet war, ist heute der kollektive Schlachtruf im Fanblock.


Natürlich hat all das auch eine dunkle Seite. Wenn sich emotionale Masse und Deindividuation verbinden, kann das in blinde Wut, Gewalt und Ausgrenzung umschlagen. Doch auch das folgt einer Logik, die einst dem Schutz der Gruppe diente. Biologisch sinnvoll, sozial ambivalent.


Aber es bleibt eine zentrale, fast absurde Frage: Warum identifizieren sich Menschen mit Fußballvereinen, die aus durchprofessionalisierten Athleten bestehen, deren Gehälter das Zigfache des eigenen betragen – und die oft jährlich wechseln? Warum jubeln wir für Spieler, die keinerlei persönliche Bindung an uns oder unsere Stadt haben?


Hier kommt eine Besonderheit des Menschen ins Spiel: Sein enormes Interpretationsvermögen oder besser formuliert, seine enorme Interpretationsneigung. Kein Tier kann sich in symbolische Systeme so tief hineindenken wie der Mensch. Farben, Logos, Trikots, sogar Stadien – sie werden zu emotional aufgeladenen Identitätsmarkern. Das Gehirn macht daraus Geschichten, Zugehörigkeit, Sinn. Grund dafür sind das enorm gewachsene Gehirn und vor allem der große Neokortex mit seinen circa 17 Milliarden Nervenzellen, die überdies enorm miteinander verflochten sind. Dieses riesige Netzwerk ermöglicht unser Denken, Fühlen, Handeln und vor allen Dingen unsere Interpretationsfähigkeit.


Was wir sehen, ist nicht der Spieler – wir sehen das, was wir in ihn hineinprojizieren. Held, Kämpfer, Repräsentant eines „Wir“. Der Verein wird zur Projektionsfläche kollektiver Sehnsüchte, zur Ersatzfamilie, zum modernen Mythos.


Der Schimpanse lebt im Hier und Jetzt. Der Mensch lebt auch in der Imagination. Und genau das macht ihn zum Fan.


 
 
 

Kommentare


  • LinkedIn
bottom of page