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Warum wir nach Niederlagen so schlechte Erklärer sind

  • 2. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

Jede Fußball-WM das gleiche Theaterstück.


Kaum scheidet eine Fußballnationalmannschaft aus einem großen Turnier aus, beginnt ein Ritual, das sich seit Jahrzehnten wiederholt. Plötzlich weiß jeder, warum es geschehen ist. Die Erklärungen überschlagen sich: Der Trainer habe die falschen Spieler nominiert. Die Spieler seien überschätzt gewesen. Es habe an Mentalität, Einsatzwillen oder Führungsqualität gefehlt. Manche führen sogar die politische Stimmung im Land als Ursache an. Andere diskutieren darüber, dass die Ehefrau oder die Mutter des Bundestrainers vor Ort gewesen sei oder dass Spieler ihre Familien mitgebracht hätten und das Turnier deshalb eher den Charakter eines Familienurlaubs als eines Leistungsevents gehabt habe.


All diese Erklärungen haben eines gemeinsam: Sie vermitteln das angenehme Gefühl, das Unerklärliche erklärt zu haben.


Genau darin zeigt sich eine grundlegende Eigenschaft unseres Gehirns. Das menschliche Gehirn ist keine objektive Wahrheitsmaschine. Es ist vorrangig eine Interpretationsmaschine. Es hasst Unsicherheit und Zufall. Wenn etwas geschieht – insbesondere wenn es emotional bedeutsam ist –, sucht es nach Ursachen. Lieber konstruiert es eine scheinbar schlüssige Geschichte, als eine Wissenslücke auszuhalten.


Gerade im Fußball ist diese Neigung besonders problematisch. Fußball gehört zu den Mannschaftssportarten, deren Ergebnisse in hohem Maße von Zufällen, kleinen Ereignissen und schwer kontrollierbaren Einflüssen abhängen. Sportwissenschaftliche Untersuchungen zeigen seit Jahren, dass etwa 40 bis 50 Prozent aller Tore zumindest teilweise auf Ereignissen beruhen, die sich kaum planen oder kontrollieren lassen – abgefälschte Schüsse, Abpraller, individuelle Fehler, Standardsituationen oder andere zufällige Spielsituationen. Anders als beispielsweise im Basketball, wo die große Zahl an Punkten den Zufall weitgehend ausgleicht, entscheiden im Fußball häufig nur ein oder zwei Tore über Sieg oder Niederlage.


Man stelle sich nur vor, das vermeintliche 2:1 für Deutschland wäre anerkannt worden – ein Tor, das nach Ansicht vieler Experten zu Unrecht aberkannt wurde. Hätte Deutschland gewonnen, wäre Julian Nagelsmann heute vermutlich der gefeierte Taktikfuchs. Dieselben Journalisten und Kommentatoren, die ihn heute kritisieren, würden seine Spielerwahl und seine taktischen Entscheidungen als mutig und vorausschauend loben. Stattdessen wird er nun vielerorts zum Sündenbock erklärt. Thomas Tuchel erlebt derzeit das genaue Gegenteil. Weil seine Mannschaft erfolgreich ist, erscheint nahezu jede seiner Entscheidungen im Nachhinein als genial.


Damit sind wir bei einem gut untersuchten psychologischen Phänomen: Wir bewerten Entscheidungen überwiegend anhand ihres Ergebnisses und nicht anhand der Informationen, die zum Zeitpunkt der Entscheidung verfügbar waren. Psychologen bezeichnen dies als Outcome Bias. Gewinnt eine Mannschaft, erscheinen nahezu alle Entscheidungen des Trainers klug. Verliert sie, werden dieselben Entscheidungen plötzlich zu Belegen seiner Inkompetenz. Das Ergebnis färbt unsere Wahrnehmung der Ursachen.


Natürlich bedeutet das nicht, dass man auf Analysen verzichten sollte. Im Gegenteil. Aber Analysen sollten sich auf überprüfbare Fakten stützen und nicht auf Geschichten, die zwar eingängig klingen, aber kaum belastbar sind.


Die entscheidenden Fragen lauten deshalb ganz anders: Warum gelang es der Mannschaft nicht, die gegnerische Defensive zu überwinden? Weshalb gingen im Mittelfeld so viele Bälle verloren? Warum häuften sich Fehlpässe gerade unter Druck? War die gewählte Taktik angemessen? Waren die Laufwege abgestimmt? Wurden Standardsituationen ausreichend vorbereitet? Gab es Defizite im Elfmeterschießen? Welche objektiven Leistungsdaten sprechen für oder gegen bestimmte taktische Entscheidungen?


Das sind Fragen, die sich anhand von Spielanalysen, Leistungsdaten und Videoaufzeichnungen zumindest teilweise beantworten lassen.


Alles andere bleibt Spekulation.


Wie schnell sich öffentliche Urteile ändern können, zeigte auch das Spiel England gegen den Kongo. England gewann letztlich knapp, weil zwei präzise Flanken zu zwei Toren führten. Über weite Strecken tat sich die englische Mannschaft jedoch erstaunlich schwer gegen einen Gegner, dessen Marktwert nur einen Bruchteil des englischen Kaders beträgt. Wäre einer dieser Kopfbälle wenige Zentimeter neben dem Tor gelandet oder hätte der Kongo einen seiner Konter erfolgreich abgeschlossen, würde heute vermutlich über die Arroganz der englischen Stars, taktische Fehler oder mangelnde Einstellung diskutiert. Stattdessen werden dieselben Spieler nun als Helden gefeiert.


Der Unterschied zwischen Held und Versager ist im Spitzenfußball häufig erschreckend klein.


Vielleicht wäre deshalb etwas mehr intellektuelle Bescheidenheit angebracht. Im Fußball gibt es selten monokausale Erklärungen. Siege und Niederlagen entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel von individueller Qualität, Taktik, Teamdynamik, Tagesform, gegnerischer Leistung und nicht zuletzt Zufall. Wer unmittelbar nach einem Spiel einfache Schuldige präsentiert, befriedigt vorwiegend das Bedürfnis unseres Gehirns nach klaren Geschichten. Mit einer seriösen Analyse des Fußballs hat das jedoch oft erstaunlich wenig zu tun.


Das Gehirn liebt einfache Geschichten. Die Wirklichkeit ist jedoch fast immer komplizierter. Und gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.

 
 
 

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