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Fußball-WM 2026: Das schönste Spiel der Welt ist auch das zufälligste

  • vor 2 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

Die Weltmeisterschaft läuft. Millionen Menschen (natürlich auch ich) fiebern mit, rätseln, jubeln, verzweifeln. Experten analysieren Pressing-Intensitäten, Expected-Goals-Werte und Passquoten. Trainer erklären im Nachhinein mit professioneller Miene, warum genau das eingetreten ist, was sie erwartet hatten. Und die Kommentatoren liefern die passende Erzählung dazu. Dabei wäre Bescheidenheit angebracht. Denn es gibt eine ungemütliche Wahrheit über den Fußball, die kaum jemand laut sagen möchte: Ungefähr jedes zweite Tor ist ein Zufallstor.


Das ist keine Meinung. Das ist das Ergebnis einer der größten Big-Data-Studien, die je über Tore im Profifußball durchgeführt wurden. Wissenschaftler um den Kölner Sportwissenschaftler Daniel Memmert analysierten sämtliche 7263 Tore der englischen Premier League über sieben Spielzeiten und fanden bei 46 Prozent davon einen klar identifizierbaren Zufallseinfluss. Abgefälschte Schüsse, Abstaubertore, Eigentore, Distanzschüsse ins Glück. Tore, die niemand geplant hat und die kein Trainer der Welt im Training systematisch einübt.


Man mag einwenden: 46 Prozent, das ist weniger als die Hälfte. Stimmt. Aber in einem Sport, in dem 60 Prozent aller Spiele mit Unentschieden oder Ein-Tor-Unterschied enden, reicht ein einziges Zufallstor, um Weltbilder zu verschieben. Es reicht ein abgefälschter Ball in der 89. Minute, um eine Mannschaft aus dem Turnier zu werfen und den zugehörigen Trainer als Versager dastehen zu lassen, der "die Lage nicht im Griff hatte"

.

Was macht das menschliche Gehirn mit dieser Information? Es ignoriert sie konsequent. Unser Gehirn ist eine Bedeutungsmaschine. Es erträgt keinen Zufall, weil Zufall keine Geschichte ergibt. Geschichten benötigen Ursachen, Schuldige, Helden. Also konstruieren wir sie im Nachhinein mittels einer kognitiven Verzerrung, die Psychologen als hindsight bias kennen. Der Trainer hatte "kein Konzept"" Der Stürmer war "nicht fokussiert". Die Vorbereitung war "erkennbar schlecht"" Dabei hat ein Ball einen Abwehrspieler an der Hacke erwischt und ist ins Netz gehoppelt.


Besonders aufschlussreich ist eine weitere Beobachtung aus der Kölner Studie: Schwächere Mannschaften profitieren überproportional vom Zufall. Das leuchtet ein. Wer strukturell unterlegen ist, ist stärker auf das Glück angewiesen und bekommt es manchmal auch. Leicester City, Europameister Griechenland 2004, oder manch andere Überraschungsmannschaft dieser WM. Nicht Betrug, nicht Magie, sondern der pure nackte Zufall.


Apropos Griechenland 2004: Nach dem Titelgewinn stieg der deutsche Trainer Otto Rehhagel in Griechenland zum Nationalhelden auf. Ein Deutscher, gefeiert wie ein Halbgott in Athen. Das ist, wenn man so will, die menschliche Kehrseite des Zufalls: Weil wir Erfolge nicht dem Glück zuschreiben wollen, schreiben wir sie dem Genie zu. Rehhagel war zweifellos ein guter Trainer. Aber ob er wirklich der entscheidende Faktor war oder ob der Zufall an jenem Turnier besonders fleißig mitgespielt hat, das lässt sich im Nachhinein nicht mehr sauber trennen. Genau das ist das Problem.


Und noch etwas: Über die sieben analysierten Spielzeiten in der Premier League sank der Anteil der Zufallstore leicht von 50 auf 44 Prozent. Datengestützte Spielvorbereitung, bessere taktische Ausbildung, professionelleres Scouting. Das Gehirn der Mannschaft wird klüger. Der Zufall schrumpft, aber er verschwindet nicht.


Also: Genießen Sie die WM. Freuen Sie sich über die Tore. Aber glauben Sie den Erklärungen der Experten, der Trainer und der Spieler danach nur zur Hälfte. Ungefähr so, wie die Daten es nahelegen.


Quelle: Wunderlich, F. & Memmert, D. (2021). Analysis of the predictability of soccer matches based on large-scale data. Journal of Sports Sciences. doi: 10.1080/02640414.2021.1930685

 
 
 

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