Golgi, Cajal und die schönste Niederlage der Wissenschaftsgeschichte
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Golgi, Cajal und die schönste Niederlage der Wissenschaftsgeschichte, oder Intelligenz schützt nicht vor Fehlern und emotionalen Selbstschutz

Stockholm, Dezember 1906. Zwei Männer sitzen im selben Saal, empfangen denselben Preis, und können sich nicht ausstehen. Camillo Golgi, Italiener, Professor in Pavia, Nestor der Neuroanatomie. Santiago Ramón y Cajal, Spanier, Sohn eines Landarztes aus Aragonien, der sich die Wissenschaft weitgehend selbst beigebracht hat. Beide haben ihr Leben dem Nervensystem gewidmet. Beide haben recht, beide sind unzweifelhaft intelligent, wenn nicht gar genial. Kreativ sind sie allemal. Aber einer hat unrecht und reagiert aus erklärbaren Gründen emotional, angriffig, ja sogar aggressiv. Es ist eine der seltsamsten Verleihungszeremonien in der Geschichte des Nobelpreises. Als ich dies zum ersten Mal nachlesen durfte, konnte ich es nicht glauben, aber das, was dort passierte, ist historisch verbrieft. Für mich ist dies ein Paradebeispiel für einen Bestätigungsfehler, den auch intelligente Menschen oft begehen.
Die schwarze Reaktion
Man muss kurz zurückgehen, um zu verstehen, worum es geht. Das menschliche Gehirn ist dicht. So dicht, dass Forscher im 19. Jahrhundert beim Blick durchs Mikroskop im Wesentlichen ein farbloses, strukturloses Chaos sahen: Sie sahen Zellen, Fasern, und Fortsätze, die alle ineinander verschlungen waren. Nichts schien klar voneinander abgrenzbar. Das Nervensystem war anatomisch Terra incognita.
1873 ändert Camillo Golgi das. Er entwickelt die reazione nera, die schwarze Reaktion, eine Silberfärbung, die etwas Merkwürdiges und Nützliches tut: Sie färbt die Zellen , bis in die feinsten Verästelungen an. Plötzlich sind einzelne Nervenzellen sichtbar, wie Tuschezeichnungen vor hellem Grund.
Es ist ein technischer und wissenschaftlicher Durchbruch.
Und Golgi nutzt ihn, um eine Theorie zu entwickeln. Für ihn ist das Nervensystem ein zusammenhängendes Netzwerk.. Die Nervenzellen sind für ihn miteinander verwachsen, ihre Fortsätze gingen ineinander über. Das Ganze funktioniere wie ein einziges riesiges, verschaltetes System. Er nennt es die Retikulartheorie, ist überzeugt von ihr, verteidigt sie jahrzehntelang, und wird dafür weltweit gefeiert.
Der Mann aus Aragonien
Santiago Ramón y Cajal ist das Gegenteil eines Mannes, den man in einer Erfolgsgeschichte der Wissenschaft erwartet. Er wächst im ländlichen Spanien auf, zeigt früh mehr Interesse an Zeichnen und Abenteuer als an Büchern. Er wird von seinem Vater – einem Arzt – mit eisernem Willen in die Medizin gezwungen, erkrankt an Tuberkulose, erholt sich, kämpft als Militärarzt auf Kuba, kehrt krank zurück, und beginnt dann, fast beiläufig, mit der Mikroskopie.
Was ihn auszeichnet, ist eine Kombination aus obsessiver Geduld und zeichnerischem Talent. Er verbringt Tausende Stunden am Mikroskop, präpariert Nervenzellen aus unzähligen Tierarten, und zeichnet, was er sieht. Dabei ist sehr sorgfältig und präzise. Seine Abbildungen gelten noch heute als wissenschaftliche Kunstwerke. Ich kann mich noch sehr gut an meine Präparatskurse erinnern. Wir mussten damals mit unseren Bleistiften die Zellkörper nachzeichnen, die wir im Mikroskop sahen. Als Vorlagen dienten auch die Zeichnungen von Cajal. Cajal nutzte Golgis Methode, also die schwarze Reaktion des Meisters als Werkzeug. Was er allerdings damit sieht, widerspricht dem Meister fundamental.
Diskrete Einheiten
Cajal sieht keine verwachsenen Netzwerke. Er sieht einzelne klar abgrenzbare Zellen. mit Zellkörper, Dendriten und einem langen Fortsatz – dem Axon – der an seinem Ende nicht mit der nächsten Zelle verschmilzt, sondern dort endet. Zwischen den Zellen gibt es einen Spalt, nämlich die Synapse.
Das Nervensystem ist kein Kontinuum. Es ist eine Ansammlung diskreter Einheiten, die miteinander kommunizieren, ohne miteinander zu verschmelzen. Diese Einheiten wird Charles Scott Sherrington einige Jahre später Neuronen nennen, die Kontaktstellen zwischen ihnen Synapsen.
Die Neuronenlehre ist geboren. Und sie ist richtig. Das wissen wir heute mit einer Gewissheit, die keine Zweifel lässt.
Cajal publiziert seine Befunde, reist 1889 zur Deutschen Anatomischen Gesellschaft nach Berlin, zeigt seine Präparate, überzeugt die wichtigsten Neuroanatomen Europas innerhalb weniger Tage. Die Wissenschaftsgemeinschaft akzeptiert die Neuronenlehre rasch und gründlich. Alle, bis auf einen.
Stockholm, Dezember 1906
Golgi hält seine Nobelvorlesung am ersten Tag. Er ist 63 Jahre alt, geehrt, angesehen, und vollkommen unversöhnlich. Seine Rede ist keine Dankesrede und keine wissenschaftliche Rückschau. Sie ist ein Angriff. Er bestreitet die Neuronenlehre, verteidigt sein Retikulum, kritisiert Cajals Methoden, und tut so, als hätten die vergangenen zwei Jahrzehnte wissenschaftlicher Debatte nicht stattgefunden.
Cajal folgt am nächsten Tag. Er ist ruhig, präzise, fast geduldig. Er legt die Befunde noch einmal dar, Bild für Bild, Zelle für Zelle, Spalt für Spalt. Er muss Golgi nicht angreifen. Die Evidenz erledigt das.
Es ist, in wissenschaftlicher Hinsicht, ein vollständiger Sieg. Und menschlich betrachtet ein Lehrstück über das, was Kognitionspsychologen heute motivated reasoning nennen, die Fähigkeit des Geistes, Evidenz so lange umzudeuten, bis sie zur eigenen Überzeugung passt.
Was das Gehirn damit zu tun hat
Man könnte versucht sein, Golgi einfach als verbitterten alten Mann abzutun. Das wäre zu einfach und auch falsch.
Golgi war kein Dummkopf. Er war einer der brillantesten Wissenschaftler seiner Generation. Und genau das macht seinen Fall so instruktiv.
Je mehr ein Mensch in eine Idee investiert hat (Zeit, Energie, Reputation, Identität), desto schwerer wird es, sie aufzugeben, auch wenn die Evidenz dagegen spricht. Das ist keine Charakterschwäche. Es ist Neurobiologie. Das Gehirn schützt das Selbst, und das Selbst ist untrennbar verknüpft mit dem, woran man glaubt. Neue Befunde, die die eigene Theorie widerlegen, werden nicht neutral verarbeitet. Sie lösen Unbehagen, Widerstand, also eine Art kognitive Immunreaktion aus.
Eine neue wissenschaftliche Wahrheit setzt sich nicht dadurch durch, dass ihre Gegner überzeugt werden – sondern dadurch, dass sie aussterben. – Max Planck
Das Werkzeug
Was an der Geschichte von Golgi und Cajal über das Übliche hinausgeht, ist die besondere Ironie des Werkzeugs.
Cajal hat Golgis eigene Methode benutzt. Die schwarze Reaktion, das Lebenswerk des Meisters, war das Instrument, das die Theorie des Meisters zerstörte. Golgi hatte, ohne es zu wissen, das Messer geschmiedet, mit dem seine eigene Idee abgestochen wurde.
Das ist keine Tragödie im üblichen Sinn. Es ist eigentlich das Schönste, was der Wissenschaft passieren kann: Ein Werkzeug wird so gut, dass es die Wahrheit zeigt, auch wenn die Wahrheit unbequem ist, auch wenn sie den trifft, der das Werkzeug gebaut hat.
Cajal hat das, soweit wir wissen, nie genossen. Er war kein triumphierender Mensch. Er war jemand, der zeichnete, was er sah.
Was bleibt
Golgis Retikulartheorie ist heute vergessen, außer in Lehrbüchern der Wissenschaftsgeschichte. Seine schwarze Reaktion ist unsterblich, sie wird bis heute verwendet, in modernisierten Varianten, in jedem neuroanatomischen Labor der Welt.
Cajals Zeichnungen hängen in Museen. Seine Neuronenlehre ist die Grundlage jeder modernen Neurowissenschaft.
Und die Synapsen, jene kleinen Spalte, die Golgi nicht sehen wollte, sind inzwischen vielleicht der meistuntersuchte Ort im menschlichen Körper. An ihnen entscheidet sich, was wir denken, fühlen, erinnern, vergessen.



Die Erzählung von Golgi und Cajal verdeutlicht eindrucksvoll, wie intellektuelle Überzeugungen selbst die brillantesten Köpfe blenden können. Diese Rivalität ist ein lehrreiches Beispiel für den Bestätigungsfehler. Der Mensch tendiert dazu, sich in seiner Meinung zu verfangen, wenn er stark in eine Theorie investiert hat. Es scheint, als ob Golgi tatsächlich entschlossen war, auf seine Überzeugungen zu beharren, auch wenn der Beweis klar gegen ihn sprach. Bet On Red wirft die Frage auf, wie wissenschaftlicher Fortschritt wirklich funktioniert und welche Mechanismen im Hintergrund wirken.