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Was Neurowissenschaft und Buddhismus gemeinsam haben – eine Begegnung mit dem Dalai Lama

  • vor 4 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Zu den besonderen Erlebnissen meiner wissenschaftlichen Laufbahn gehört zweifellos die Begegnung mit dem Dalai Lama anlässlich eines neurowissenschaftlichen Symposiums an der Universität Zürich im Jahr 2005. Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen (Neurowissenschaftler, Mediziner, Psychologen und Informatiker) waren eingeladen, mit dem geistlichen Oberhaupt des tibetischen Buddhismus über Fragen des Gehirns, des Geistes und des menschlichen Bewusstseins zu diskutieren (1). Diese Begegnung ist mir als emeritierter Professor immer noch sehr präsent.


Ich muss gestehen, dass ich im Vorfeld nicht genau wusste, was mich erwarten würde. Würden hier zwei Welten aufeinandertreffen, die kaum Berührungspunkte besitzen? Auf der einen Seite die moderne Hirnforschung mit ihren Magnetresonanztomographen, Elektroden und statistischen Modellen. Auf der anderen Seite eine jahrtausendealte spirituelle Tradition, die sich mit Meditation, Mitgefühl und innerer Erfahrung beschäftigt.


Bereits nach wenigen Minuten wurde jedoch deutlich, dass die Unterschiede zwar groß sind, die grundlegenden Fragen aber erstaunlich ähnlich.

Der Dalai Lama beeindruckte mich vor allem durch seine Neugier. Er kam nicht als spiritueller Lehrer, der Antworten verkünden wollte. Vielmehr wirkte er wie ein Wissenschaftler, der verstehen wollte. Während der Vorträge stellte er präzise Fragen, hakte nach und zeigte ein bemerkenswertes Interesse an den neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung.


Besonders aufmerksam wurde er, als ich über die Plastizität des Gehirns sprach. Seit vielen Jahren untersuche ich, wie Erfahrungen, Lernen und Training die Struktur und Funktion unseres Gehirns verändern. Unter anderem erforschen wir Musiker, die oft viele Tausend Stunden ihres Lebens mit intensivem Üben verbringen. Ihre Gehirne zeigen eindrucksvoll, wie stark sich neuronale Netzwerke an wiederholte Anforderungen anpassen können.


Auch bei Patienten nach Hirnschädigungen beobachten wir immer wieder Erstaunliches. Nach einem Schlaganfall beispielsweise können gesunde Hirnregionen teilweise Aufgaben übernehmen, die zuvor von geschädigten Bereichen ausgeführt wurden. Das Gehirn ist eben kein starres Organ. Es verändert sich ein Leben lang.

Als ich dies erläuterte, erinnerte der Dalai Lama an eine buddhistische Weisheit, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist:


„Lerne, selbst wenn du weißt, dass du morgen sterben wirst.“

Dieser Satz traf den Kern dessen, worüber wir gesprochen hatten.

In der Neurowissenschaft nennen wir die lebenslange Veränderbarkeit des Gehirns Neuroplastizität. Im Buddhismus spricht man eher von geistiger Entwicklung oder der Kultivierung des Geistes. Die Begriffe unterscheiden sich, doch die dahinterstehende Idee ist erstaunlich ähnlich.


Beide Sichtweisen gehen davon aus, dass der Mensch kein fertiges Wesen ist. Wir werden nicht mit einem unveränderlichen Gehirn oder einem unveränderlichen Geist geboren. Vielmehr formen Erfahrungen, Lernen, Übung und soziale Beziehungen unser Denken, Fühlen und Handeln über die gesamte Lebensspanne hinweg.

Noch deutlicher wurde diese Gemeinsamkeit in den Diskussionen über Emotionen. Der Dalai Lama betonte immer wieder die Bedeutung eines ruhigen und ausgeglichenen Geisteszustandes. Negative Emotionen wie Wut, Angst oder Hass seien nicht nur eine Belastung für das seelische Wohlbefinden, sondern könnten auch körperliche Folgen haben.


Auch hier hat die moderne Forschung in den letzten Jahrzehnten bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Wir wissen heute, dass chronischer Stress das Gehirn verändert, hormonelle Systeme beeinflusst und langfristig die Gesundheit beeinträchtigen kann. Umgekehrt zeigen zahlreiche Studien, dass Achtsamkeitsübungen und Meditation messbare Auswirkungen auf Aufmerksamkeit, Emotionsregulation und bestimmte Hirnfunktionen haben.

Natürlich bleiben Unterschiede bestehen. Die Neurowissenschaft untersucht neuronale Netzwerke, Botenstoffe und Hirnaktivität. Der Buddhismus beschäftigt sich stärker mit subjektiver Erfahrung, Ethik und der Frage, wie Leid vermindert werden kann.


Dennoch hatte ich während dieses Symposiums immer wieder das Gefühl, dass beide Seiten unterschiedliche Wege beschreiten, die teilweise zum selben Ziel führen. Beide versuchen zu verstehen, warum Menschen denken, fühlen und handeln, wie sie es tun. Beide interessieren sich für die Bedingungen eines gelingenden Lebens. Und beide gehen davon aus, dass Veränderung möglich ist.


Was mich damals besonders beeindruckte, war die geistige Offenheit des Dalai Lama. Er verteidigte keine Dogmen. Im Gegenteil. Mehrfach betonte er, dass religiöse Vorstellungen korrigiert werden müssten, wenn wissenschaftliche Befunde überzeugende Gegenargumente liefern. Eine solche Haltung begegnet man nicht häufig – weder in religiösen noch in wissenschaftlichen Kreisen.


Rückblickend bleibt für mich eine einfache, aber wichtige Erkenntnis: Neurowissenschaft und Buddhismus sprechen unterschiedliche Sprachen, doch manchmal erzählen sie dieselbe Geschichte.


Die Neurowissenschaft spricht von neuronaler Plastizität. Der Buddhismus spricht von geistiger Entwicklung.


Beide beschreiben letztlich dieselbe Hoffnung: dass Menschen sich verändern können. Dass wir lernen können. Dass wir nicht Gefangene unserer Gewohnheiten, unserer Vergangenheit oder unserer biologischen Voraussetzungen bleiben müssen.

Vielleicht war dies die wichtigste Botschaft dieses besonderen Tages an der Universität Zürich.


Der Mensch bleibt formbar – bis zum letzten Tag seines Lebens.


 
 
 

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