Feindbilder funktionieren in der Politik von selbst
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Richard von Weizsäcker war kein Mann der billigen Pointen. Umso bemerkenswerter, dass ihm einer der treffendsten Sätze über den deutschen Politikbetrieb gelungen ist, der recht knapp, kühl, sogar vernichtend klingt:
„Bei uns ist ein Berufspolitiker im Allgemeinen weder ein Fachmann noch ein Dilettant, sondern ein Generalist mit dem Spezialwissen, wie man politische Gegner bekämpft.“(1)
Er sagte das Anfang der 1990er Jahre, als es noch kein Internet, kein Twitter und kein TikTok gab. Und trotzdem klingt es wie eine Beschreibung des gestrigen Abends in der Talkshow. Mittlerweile werden Parteien mit emotionalen Plattitüden fern von sachlichem Inhalt bekämpft.
Eine Kritik, kein Lob
Man muss das kurz festhalten, weil es gelegentlich verwechselt wird: Weizsäcker lobte hier niemanden. Er diagnostizierte eine Deformation. Der Berufspolitiker, den er beschreibt, ist kein Machtmensch mit Bismarck’scher Grandezza. Er ist jemand, der sein Handwerk falsch gelernt hat. Oder genauer: der das falsche Handwerk gelernt hat.
Weizsäcker selbst formulierte das Gegenbild an anderer Stelle: Politiker seien gewählt „zur Auseinandersetzung über den besten Weg, mit Kopf und Herz, mit großem Ernst, aber ohne Verbissenheit“. Sachkompetenz, Urteilsvermögen, Gemeinwohlorientierung – das wären die eigentlichen Qualifikationen. Stattdessen: Spezialwissen im Gegnerbekämpfen.
Was er damals ahnte, ist heute Strukturprinzip.
Der Algorithmus als Verstärker
Soziale Medien haben Weizsäckers Diagnose nicht erfunden. Sie haben sie industrialisiert.
Das Funktionsprinzip ist simpel und brutal: Empörung erzeugt Engagement, Engagement erzeugt Reichweite, Reichweite erzeugt Relevanz. Wer sachlich ein Rentenkonzept erklärt, verschwindet im Feed. Wer den Gegner in zwanzig Sekunden emotional demontiert (oder gar diffamiert), landet in den Empfehlungen. Das ist keine Frage des Charakters, es ist eine Frage der Systemlogik. Der Algorithmus zieht Politik in Richtung Konfrontation, unabhängig davon, was der einzelne Politiker eigentlich will.
Das Ergebnis ist eine Art evolutionärer Selektion: Wer das Spezialwissen beherrscht, überlebt medial. Wer es nicht beherrscht, wird unsichtbar. Und Unsichtbarkeit ist in der Demokratie gleichbedeutend mit politischer Bedeutungslosigkeit.
Blasen, Feinde, Zielgruppen
Weizsäcker sprach noch in eine gemeinsame Öffentlichkeit: ARD, ZDF und die großen überregionalen Tageszeitungen. Es gab einen geteilten Wahrnehmungsraum, in dem politische Kommunikation stattfand. Heute gibt es parallele Realitäten, jede mit ihrem eigenen Feindkatalog.
Das Spezialwissen des Gegnerbekämpfens muss deshalb heute zielgruppenspezifisch kalibriert werden. Was in einer Blase als schlagkräftige Kritik wirkt, ist in einer anderen unsichtbar oder kontraproduktiv. Die Technik ist raffinierter geworden, wobei die Substanz dieselbe geblieben ist. Es geht nicht darum, recht zu haben. Es geht darum, den richtigen Gegner beim richtigen Publikum richtig zu treffen.
Politische Kommunikation ist damit weniger Überzeugungsarbeit als Stammesritual.
Das Gehirn als Schwachstelle
Hier kommt die Neurowissenschaft ins Spiel und sie ist wenig schmeichelhaft.
Unter Informationsüberflutung und Zeitdruck schaltet das menschliche Gehirn auf heuristisches Denken um. Das ist keine Schwäche, sondern ein evolutionäres Erbe: Schnelle, assoziative Urteile, was Kognitionspsychologen als „System 1“ bezeichnen, waren in einer Welt, in der man Entscheidungen in Sekunden treffen musste, überlebenswichtig. In einer Welt komplexer Politikfragen sind sie ein Problem.
Denn unter diesen Bedingungen wird Durchsetzungsstärke mit Kompetenz verwechselt. Wer den Gegner gut bekämpft, wirkt wie ein Anführer, weil das Gehirn Dominanzverhalten und Führungsfähigkeit seit Hunderttausenden von Jahren assoziiert. Sachargumente benötigen kognitive Arbeit. Feindbilder funktionieren von selbst.
Das ist kein Versagen der Menschen. Es ist eine vorhersagbare Reaktion auf eine Medienumgebung, für die das menschliche Gehirn schlicht nicht ausgelegt wurde.
Die Bildungsfrage
Weizsäcker setzte noch voraus, dass ein Publikum existiert, das den Unterschied zwischen Sachkompetenz und Gegnerbekämpfen erkennt und ihn bei der Wahl bestraft. Das setzt politische Bildung voraus. Und genau hier liegt der blinde Fleck unserer Zeit.
Politische Bildung ist nicht Faktenwissen. Wer die drei Staatsgewalten benennen kann, ist noch lange nicht in der Lage, mediale Inszenierung von politischer Substanz zu unterscheiden, Rhetorik von Argument zu trennen, oder zu erkennen, wann ein „Angriff auf den Gegner“ die eigentliche Sachfrage ersetzt. Das sind Fähigkeiten, die systematisch gelehrt und geübt werden müssen. In vielen Bildungssystemen werden sie das nicht.
Die Folge ist absehbar: Wer diese Fähigkeiten nicht besitzt, ist dem Spezialwissen des Gegnerbekämpfers weitgehend schutzlos ausgeliefert. Nicht aus Dummheit, sondern weil das Gehirn unter medialer Dauerberieselung mit dem tut, was es immer tut: Es wählt den einfachen Weg.
Was bleibt
Weizsäcker hat 1992 den Anfang einer Entwicklung beschrieben, die sich seitdem nicht korrigiert, sondern beschleunigt hat. Seine Diagnose war nicht zeitlos, sie war prophetisch. Und das Beunruhigendste daran ist nicht, dass Politiker das Falsche gelernt haben. Es ist, dass das System sie dafür belohnt.
Solange Mediensysteme Konflikte monetarisieren und Bildungssysteme keine Gegengewichte setzen, wird sich daran wenig ändern. Der Generalist des Kampfes ist kein Ausnahmefall. Er ist das Produkt einer Umgebung, die genau ihn hervorbringt.
Man muss Weizsäcker dankbar sein, dass er das früh und klar gesagt hat. Gehört hat es, wie so oft, kaum jemand, oder zumindest ist dies aktuell irgendwie in Vergessenheit geraten.
(1) Richard von Weizsäcker war deutscher Politiker (CDU) und der 6. Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Das Zitat habe ich hier gefunden.



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