Unvernünftige Entscheidungen von Menschen in Führungspositionen?

Warum treffen Menschen in hohen Führungspositionen Entscheidungen, die von außen offensichtlich unvernünftig erscheinen? Nicht unbedingt, weil sie weniger intelligent oder irrationaler sind als andere. Das Problem kann vielmehr in der Position selbst liegen. Sie verändert die Bedingungen, unter denen Menschen entscheiden. Sieben Mechanismen spielen dabei eine besondere Rolle.
1. Festhalten an einmal getroffenen Entscheidungen. Wer sich öffentlich auf ein Ziel festgelegt und bereits viel Zeit, Geld oder Ansehen investiert hat, korrigiert seinen Kurs nur ungern. Scheitern einzugestehen, wird mit zunehmendem Einsatz schwieriger. Stattdessen wird weitergemacht oder das ursprüngliche Ziel nachträglich umgedeutet. Hier kommt das Prinzip der kognitiven Dissonanz zum Tragen. Man bleibt bei seinen Meinungen und verteidigt diese sogar gegen Fakten.
2. Kritik wird zum Angriff. Menschen in Machtpositionen erleben tatsächlich Konkurrenz und Widerstand. Dadurch kann es schwieriger werden, berechtigte Kritik von einem persönlichen Angriff zu unterscheiden. Werden interne Kritiker bestraft oder ausgegrenzt, lernen andere schnell, unangenehme Wahrheiten lieber für sich zu behalten.
3. Informationen werden gefiltert. Je höher jemand in einer Hierarchie steht, desto stärker ist er auf Informationen anderer angewiesen. Mitarbeiter und Berater entscheiden mit, was nach oben gelangt und wie es dargestellt wird. Eine Führungskraft kann deshalb durchaus rational entscheiden, allerdings auf der Grundlage eines verzerrten Bildes der Wirklichkeit. In der Psychologie bezeichnen wir das als funktionelle Blindheit. Wir richten unseren Aufmerksamkeitsstrahl auf einen kleinen Teil der Welt. Alles außerhalb dieses Strahls, bekommen wir nicht mit. Wir sind blind für alles außerhalb dieses Fokus.
4. Es entstehen soziale Blasen. Menschen umgeben sich bevorzugt mit Menschen ähnlicher Herkunft, Ausbildung und Überzeugungen. An der Spitze kann daraus eine besonders abgeschlossene soziale Welt entstehen. Wenn fast alle im eigenen Umfeld ähnlich denken, erscheint die eigene Sicht schnell als selbstverständlich. Daraus entwickeln sich Heuristiken. Diese sind einfache mentale Faustregeln, mit denen wir schnell und ohne aufwendiges Nachdenken Entscheidungen treffen oder Urteile bilden. Sie sind meist nützlich, können aber auch zu systematischen Fehleinschätzungen führen.
5. Die eigene Bezugsgruppe wird zum Maßstab. Entscheidungen können innerhalb einer bestimmten Gruppe vernünftig und sogar vorteilhaft erscheinen, während andere Gruppen die Kosten tragen. Was aus der Perspektive der Entscheidungsträger rational ist, muss deshalb für die Organisation oder Gesellschaft insgesamt noch lange nicht sinnvoll sein. Unser Gehirn nutzt vor allen Dingen Informationen aus unserem kulturellen und individuell relevantem Umfeld, um Entscheidungen zu treffen.
6. Rückmeldungen kommen zu spät. Ein Ladenbesitzer merkt schnell, wenn seine Kunden ausbleiben. In großen Unternehmen, Verwaltungen oder politischen Institutionen zeigen sich die Folgen einer Entscheidung oft erst Monate oder Jahre später. Je länger die Rückkopplung dauert, desto länger können Fehlentscheidungen fortbestehen. Wir lernen am besten, wenn die Rückmeldungen schnell und direkt nach den Entscheidungen eintreffen.
7. Organisationen bleiben auf alten Wegen. Was gestern erfolgreich war, wird leicht zur Routine. Organisationen entwickeln Regeln, Strukturen und Denkweisen, die sich nur langsam verändern. Ändert sich die Umwelt schneller als die Organisation, werden weiterhin Lösungen eingesetzt, die früher funktioniert haben, heute aber nicht mehr passen. "past behaviour, best predictor of future behavior". Das ist (leider) biologisch betrachtet eine sinnvolle Strategie. Was die Zukunft bringt, ist praktisch nie korrekt vorhersehbar. Vor allen Dingen, wenn es um Menschen geht.
Menschen an der Spitze müssen also keineswegs irrational sein. Sie entscheiden jedoch unter besonderen Bedingungen. Informationen werden gefiltert, Kritik erreicht sie schlechter, ihr soziales Umfeld wird homogener, Rückmeldungen kommen später und einmal eingeschlagene Wege lassen sich schwer verlassen.
Entscheidend ist allerdings, dass die Menschen und das Weltgeschehen viel zu komplex sind, als dass man alle Meinungen befriedigen könnte.



Kommentare